Was ist Tinnitus? Ohrgeräusche: Symptome, Ursachen und wann Sie zum Arzt sollten
Tinnitus bedeutet, ein Geräusch wie Pfeifen, Rauschen oder Summen zu hören, für das es keine äußere Schallquelle gibt. Ohrgeräusche sind sehr häufig, hängen oft mit einer Hörminderung zusammen und sind nur selten Zeichen einer ernsten Erkrankung. Bei bestimmten Warnzeichen sollten Sie aber zügig ärztlichen Rat suchen.
Dieser Ratgeber bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Ihr Tinnitus neu ist, nur auf einer Seite auftritt, pulsiert oder mit Hörverlust oder Schwindel einhergeht, gehen Sie bitte zu einer Ärztin oder einem Arzt.
Wie häufig ist Tinnitus?
Sehr häufig. Eine Übersichtsarbeit von 2022, die Daten aus 83 Studien zusammenfasst, schätzt, dass rund 14 von 100 Erwachsenen irgendeine Form von Tinnitus haben, mit steigendem Anteil im Alter, und etwa 2 von 100 einen schweren Tinnitus[1]. Für Deutschland nennt die Deutsche Tinnitus-Liga auf Basis einer europäischen Studie 11,9 Prozent der Befragten, die schon einmal Tinnitus erlebt haben[2].
Fachleute sprechen bis zu einer Dauer von drei Monaten von akutem, danach von chronischem Tinnitus[2, 3]. Ohrgeräusche können mit der Zeit schwächer werden oder ganz verschwinden[4, 5].
Tinnitus-Symptome: Wie klingt Tinnitus?
Betroffene beschreiben Pfeifen, Rauschen, Zischen, Klopfen oder Summen[2], manche auch Brummen, Pochen oder sogar Musik. Das Geräusch kann auf einem Ohr, auf beiden oder im Kopf auftreten, kommen und gehen oder ständig da sein[6].
Ärztinnen und Ärzte unterscheiden einige Formen:
- Subjektiver Tinnitus ist mit Abstand am häufigsten: Nur Sie selbst hören das Geräusch[2, 4].
- Objektiver bzw. pulsatiler Tinnitus ist viel seltener. Hier gibt es eine körpereigene Schallquelle, etwa Geräusche von Blutgefäßen, oft pulssynchron, die manchmal auch von außen hörbar ist[2, 3]. Dafür lässt sich häufig eine Ursache finden und behandeln[4].
- Somatosensorischer Tinnitus verändert sich, wenn Sie Kopf, Nacken, Kiefer oder Augen bewegen[4].
Was sind mögliche Ursachen von Tinnitus?
Oft lässt sich keine einzelne Ursache finden, und manche Menschen bekommen Tinnitus ohne erkennbaren Grund[4]. Häufige Zusammenhänge sind[2, 4]:
- Schwerhörigkeit, etwa altersbedingt oder durch Lärm; die meisten Menschen mit Tinnitus hören zumindest etwas schlechter
- Lärm, zum Beispiel ein Knalltrauma, im Beruf oder bei Konzerten
- Hörsturz
- ein Ohrenschmalzpfropf oder Entzündungen im Ohr
- manche Medikamente, vor allem in hoher Dosis, etwa entzündungshemmende Schmerzmittel und Aspirin, bestimmte Antibiotika und Krebsmedikamente
- Morbus Menière, eine Innenohrerkrankung mit Schwindel und Hörverlust
- Kopfverletzungen, Probleme der Halswirbelsäule oder des Kiefergelenks (CMD) und Zähneknirschen
- Veränderungen an Blutgefäßen sowie Erkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenstörungen oder Migräne
Nach heutigem Wissen beginnt Tinnitus meist mit einer Störung im Innenohr. Das Gehirn reagiert darauf mit Veränderungen in der Hörbahn, ähnlich wie beim Phantomschmerz. Ob der Tinnitus stark belastet, hängt zusätzlich davon ab, wie Aufmerksamkeit und Stressverarbeitung im Gehirn auf das Geräusch reagieren[3, 2].
Pulsierender Tinnitus: wann zum Arzt?
Schlägt das Geräusch im Takt Ihres Pulses, sollten Sie zeitnah ärztlichen Rat suchen und um einen dringenden Termin bitten[6]. Bei pulssynchronem Tinnitus sollen laut S3-Leitlinie Gefäßveränderungen abgeklärt werden[3], und die britische Leitlinie empfiehlt dafür eine Bildgebung[5]. Oft lässt sich so eine Ursache finden und behandeln[4]. Mögliche Ursachen und Untersuchungen erklärt unser Ratgeber zum pulsierenden Tinnitus.
Ist Tinnitus ein Zeichen für etwas Ernstes?
Meistens nicht. Tinnitus hängt nur selten mit einer ernsten Erkrankung zusammen[4], und die Deutsche Tinnitus-Liga betont, dass Ohrgeräusche meist harmlos sind[2]. Die britische Leitlinie empfiehlt, Betroffenen zu erklären, dass Tinnitus häufig ist, von selbst vergehen kann und zwar oft mit Hörverlust, aber selten mit anderen körperlichen Problemen verbunden ist[5]. Einige Muster brauchen trotzdem ärztliche Abklärung.
Wann sollte ich mit Tinnitus zum Arzt?
Sofort Hilfe holen (Notaufnahme oder 112), wenn:
- der Tinnitus nach einer Kopfverletzung begonnen hat[6]
- er mit plötzlichem Hörverlust, einer Schwäche im Gesicht oder Drehschwindel auftritt[6]
- andere plötzliche neurologische Ausfälle oder Anzeichen eines Schlaganfalls dazukommen[5]
- Sie Gedanken haben, sich etwas anzutun[5]
Zeitnah in die HNO-Praxis, wenn:
- ein neuer Tinnitus nach ein bis zwei Tagen nicht von selbst verschwunden ist; akuter Tinnitus gilt nicht als Notfall, aber als Eilfall[2]
- das Geräusch im Takt Ihres Pulses schlägt[6]
- es nur auf einem Ohr auftritt oder Sie auf einer Seite schlechter hören[5, 7]; siehe Tinnitus auf einem Ohr
- Ihr Gehör über Tage oder Wochen schlechter wird[5]
- der Tinnitus dauerhaft da ist, stärker wird oder Schlaf, Konzentration oder Stimmung beeinträchtigt[6]
In der Praxis wird meist zuerst nach der Vorgeschichte gefragt und ins Ohr geschaut, etwa nach Ohrenschmalz oder Veränderungen am Mittelohr. Ein Hörtest gehört dazu, um eine Schwerhörigkeit zu erkennen; nur in manchen Fällen sind weitere Untersuchungen wie eine Kernspintomographie nötig[2, 5].
Tinnitus-Behandlung: Ist Tinnitus heilbar?
Eine Heilung für Tinnitus gibt es bisher nicht[4], und es gibt keine Medikamente gegen chronischen Tinnitus[2]. Hat der Tinnitus eine klare Ursache wie einen Ohrenschmalzpfropf, kann deren Behandlung ihn beseitigen oder deutlich verringern[4]. Bei anhaltendem Tinnitus geht es darum, ihn weniger aufdringlich und weniger belastend zu machen. Die S3-Leitlinie empfiehlt[3]:
- Beratung und Aufklärung (Counselling) als Basis jeder Behandlung
- Hörgeräte, wenn zusätzlich eine Schwerhörigkeit besteht
- Verhaltenstherapie, die am besten belegte Behandlung der Tinnitusbelastung; mehr dazu in unserem Ratgeber zur kognitiven Verhaltenstherapie
Für Klang- und Musiktherapien sowie für Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel sieht die Leitlinie keine oder nur sehr unzureichende Belege[3]; mehr dazu im Ratgeber zur Klangtherapie und im Ratgeber zu Nahrungsergänzungsmitteln. Einen Überblick über alle Möglichkeiten gibt der Ratgeber Tinnitus-Behandlung.
Was kann ich im Alltag tun?
- Völlige Stille meiden und das Geräusch möglichst wenig beachten[2].
- Die Ohren vor lautem Lärm schützen, denn Lärm kann Tinnitus verstärken[5].
- Auf guten Schlaf achten; Tipps finden Sie im Ratgeber zu Tinnitus und Schlaf.
- Wege finden, Stress abzubauen, der Tinnitus ebenfalls verstärken kann[5]; siehe Tinnitus, Stress und Angst.
- Austausch suchen: Die Leitlinie empfiehlt, Betroffene zur Teilnahme an Selbsthilfeangeboten zu ermutigen[3], und die Deutsche Tinnitus-Liga vermittelt Selbsthilfegruppen und Beratung[2].
Weitere Ratgeber
- Klangtherapie und Notched Music
- Tinnitus und Schlaf
- Kognitive Verhaltenstherapie bei Tinnitus
- Hörtest zu Hause
- Alle Tinnitus-Ratgeber
- FAQ & Support: Fragen zur App Tinnitus Haven
Tinnitus Haven vereint Klangtherapie, einen Hörcheck und Lektionen auf KVT-Basis in einer ruhigen iPhone-App, bald im App Store. Mehr über Tinnitus Haven.
Quellen
- Jarach CM, Lugo A, Scala M, et al. Global prevalence and incidence of tinnitus: a systematic review and meta-analysis. JAMA Neurology, 2022.
- Deutsche Tinnitus-Liga e. V. Tinnitus.
- Mazurek B, Hesse G, Sattel H, et al. S3 Guideline: Chronic Tinnitus. Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). HNO, 2022. Englische Fassung der S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, AWMF-Register 017/064 (2021).
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Tinnitus. 2023.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Tinnitus: assessment and management (NG155), Recommendations. NICE guideline, 2020.
- NHS. Tinnitus. NHS website, 2024.
- Tunkel DE, Bauer CA, Sun GH, et al. Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngology, Head and Neck Surgery, 2014 (AAO-HNSF).