Helfen Nahrungsergänzungsmittel bei Tinnitus? Ginkgo, Zink, Melatonin und Co.

Für kein Nahrungsergänzungsmittel ist belegt, dass es Tinnitus lindert. Cochrane-Reviews fanden keinen klaren Nutzen von Ginkgo biloba oder Zink, und die deutsche S3-Leitlinie rät mit starker Empfehlung von Nahrungsergänzungsmitteln bei chronischem Tinnitus ab. Manche Präparate können mit Medikamenten wechselwirken. Sprechen Sie deshalb vor der Einnahme mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in der Apotheke.

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Dieser Ratgeber bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Ihr Tinnitus neu ist, nur auf einer Seite auftritt, pulsiert oder mit Hörverlust oder Schwindel einhergeht, gehen Sie bitte zu einer Ärztin oder einem Arzt.

Der Markt ist riesig: Kapseln, Tropfen und Pulver mit Pflanzenextrakten, Vitaminen und Mineralstoffen werden mit ähnlichen Versprechen beworben, häufig über soziale Medien. Die Deutsche Tinnitus-Liga stellt dazu fest, dass es bis heute keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege gibt, dass solche Mittel Tinnitus zuverlässig lindern[1]. Auch die US-Gesundheitsbehörde NIDCD betont, dass keines der als Heilmittel beworbenen Präparate seine Wirksamkeit bewiesen hat[2].

In einer Online-Befragung von 1.788 Menschen mit Tinnitus nahm knapp ein Viertel Nahrungsergänzungsmittel ein, am häufigsten Ginkgo biloba, Lipoflavonoide, Magnesium, Melatonin, Vitamin B12 und Zink. Rund 71 Prozent bemerkten keine Wirkung auf den Tinnitus, 19 Prozent eine Besserung und 10 Prozent eine Verschlechterung; 6 Prozent berichteten über Nebenwirkungen[3].

Was sagen die Leitlinien?

Was zeigen die Studien zu den einzelnen Mitteln?

Ginkgo biloba

Ginkgo ist das am besten untersuchte Mittel. Ein Cochrane-Review von 2022 mit 12 Studien und 1.915 Teilnehmenden fand, dass Ginkgo im Vergleich zu Placebo wenig bis keinen Einfluss auf die Tinnitusbelastung hat, wobei die Aussagekraft der Studien sehr gering ist[7]. Ginkgo kann bei gleichzeitiger Einnahme von Gerinnungshemmern wie Warfarin das Blutungsrisiko erhöhen und mit weiteren Medikamenten wechselwirken; in der Schwangerschaft ist es möglicherweise nicht sicher[8, 4].

Zink

Ein Cochrane-Review von 2016 mit drei Studien und 209 Erwachsenen fand keinen Beleg, dass Zinktabletten Tinnitus bessern[9]. Hohe Zinkdosen verringern die Aufnahme von Kupfer, was zu Blutarmut und schwächeren Knochen führen kann; der britische Gesundheitsdienst rät, ohne ärztlichen Rat nicht mehr als 25 mg Zink pro Tag als Ergänzung einzunehmen[10].

Melatonin

Melatonin ist ein Hormon, das den Schlaf-wach-Rhythmus mitsteuert. Drei kleine Studien mit zusammen 193 Teilnehmenden deuteten einen gewissen Nutzen an, vor allem bei starkem Tinnitus mit Schlafstörungen. Die S3-Leitlinie mahnt jedoch zur Vorsicht bei der Bewertung und verweist auf eine Übersicht, in der sich nur der Schlaf besserte, nicht der Tinnitus[4]. Kurzfristig scheint Melatonin für die meisten Menschen sicher zu sein, über die Langzeitsicherheit ist wenig bekannt. Bei Epilepsie oder der Einnahme von Gerinnungshemmern sollte es nur unter ärztlicher Aufsicht genommen werden, und der tatsächliche Gehalt weicht teils von der Packungsangabe ab[11]. Geht es Ihnen vor allem um den Schlaf, finden Sie im Ratgeber Tinnitus und Schlaf besser belegte Ansätze.

Magnesium

Die Datenlage ist sehr dünn. In einer kleinen Studie nahmen 26 Personen drei Monate lang Magnesium, und einige berichteten über eine geringere Tinnitusbelastung. Weil es keine Placebogruppe gab, lässt sich aber nicht sagen, ob die Veränderung am Magnesium lag[12]. Eine Studie aus der Türkei fand bei 76 Menschen mit schwerem Tinnitus niedrigere Magnesiumwerte im Blut als bei 86 Menschen ohne Tinnitus[13]; ein solcher Zusammenhang zeigt aber nicht, dass Magnesiumtabletten helfen. Eine Übersichtsarbeit von 2026 zu Magnesium bei Ohrerkrankungen kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz bei Tinnitus weiterhin als experimentell gelten muss[14]. Häufig ist Magnesium zudem nur ein Bestandteil von vielen in Kombipräparaten, sodass sich seine eigene Wirkung kaum beurteilen lässt[6]. Mehr als 400 mg pro Tag können Durchfall auslösen[10].

Vitamin B12

In einer doppelblinden Studie mit 140 Menschen mit Tinnitus ohne bekannte Ursache brachte ein Monat Vitamin B12 im Vergleich zu Placebo keinen Unterschied in der Tinnitusstärke[15]. Ein nachgewiesener Vitaminmangel ist etwas anderes: Ergänzungsmittel sind dann sinnvoll, wenn dem Körper tatsächlich ein Nährstoff fehlt[16].

Lipoflavonoide

Diese Bioflavonoide aus Zitrusfrüchten werden oft gegen Ohrbeschwerden angeboten. Die S3-Leitlinie nennt sie unter den Nahrungsergänzungsmitteln, für deren Wirksamkeit bei Tinnitus keine Belege vorliegen[4]. In einer kleinen randomisierten Studie nahmen 40 Menschen sechs Monate lang ein Lipoflavonoid-Präparat ein, die Hälfte zusätzlich Mangan. Zwölf schieden wegen Nebenwirkungen aus oder waren nicht mehr erreichbar, in beiden Gruppen besserte sich kaum jemand, und die Forschenden konnten keine Wirksamkeit der Präparate feststellen[17]. In der oben genannten Befragung berichteten einige Anwender über besseren Schlaf oder weniger emotionale Belastung, doch das waren persönliche Einschätzungen ohne Vergleichsgruppe[3].

Astaxanthin

Astaxanthin ist ein Carotinoid-Farbstoff, der als Antioxidans verkauft wird[18]. Klinische Studien zu Astaxanthin bei Tinnitus haben wir nicht gefunden. Bisher gibt es Labor- und Tierversuche dazu, ob es das Innenohr vor Schäden schützen könnte, vor allem vor Hörverlust durch das Krebsmedikament Cisplatin[18]. Von einem Nachweis, dass es Menschen mit Tinnitus hilft, ist das weit entfernt.

Was ist von „Tinnitus-Kapseln“ und Kombipräparaten zu halten?

Viele Produkte werden eigens für Tinnitus als Formel, Kapseln oder Tropfen verkauft. Eine Untersuchung solcher Produkte auf dem US-Markt fand 2019, dass alle unbelegte Linderung versprachen und die meisten aus gängigen, preiswerten Vitaminen, Mineralstoffen und Pflanzenstoffen bestanden, die teurer verkauft wurden als ähnliche Präparate ohne Tinnitus-Etikett[19]. Eine Übersichtsarbeit von 2026 fand nur wenige, sehr unterschiedliche und methodisch schwache Studien zu Kombipräparaten, sodass sich keine sicheren Schlüsse ziehen lassen[6]. Auch die Deutsche Tinnitus-Liga sieht keine überzeugenden Belege für solche Mittel[1]. Ein Produkt, das verspricht, den Tinnitus verstummen zu lassen, verspricht mehr, als irgendein Nahrungsergänzungsmittel gezeigt hat[2].

Warum fühlen sich manche trotzdem besser?

Tinnitus UK verweist auf den Placeboeffekt und auf weniger Stress: Wer ein Mittel gefunden hat, das Hilfe verspricht, richtet die Aufmerksamkeit weniger auf das Problem, und wer ruhiger ist, nimmt den Tinnitus oft weniger wahr[16]. Die Autoren der Befragung geben außerdem zu bedenken, dass Menschen, die einen Nutzen erwarten, eher auch einen berichten[3].

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Quellen

  1. Deutsche Tinnitus-Liga e. V. Nahrungsergänzungsmittel bei Tinnitus. 2025.
  2. National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Tinnitus. 2023.
  3. Coelho C, Tyler R, Ji H, et al. Survey on the effectiveness of dietary supplements to treat tinnitus. American Journal of Audiology, 2016.
  4. Mazurek B, Hesse G, Sattel H, et al. S3 Guideline: Chronic Tinnitus. Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). HNO, 2022. Englische Fassung der S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, AWMF-Register 017/064 (2021).
  5. Tunkel DE, Bauer CA, Sun GH, et al. Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngology, Head and Neck Surgery, 2014 (AAO-HNSF).
  6. Menon R, Ziner J, Tolordava A, et al. Effectiveness of over-the-counter treatments for tinnitus symptom relief: a systematic review. Laryngoscope Investigative Otolaryngology, 2026.
  7. Sereda M, Xia J, Scutt P, Hilton MP, El Refaie A, Hoare DJ. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2022.
  8. National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH), NIH. Ginkgo.
  9. Person OC, Puga ME, da Silva EM, Torloni MR. Zinc supplementation for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2016.
  10. NHS. Vitamins and minerals: Others. NHS website.
  11. National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH), NIH. Melatonin: What You Need To Know.
  12. Cevette MJ, Barrs DM, Patel A, et al. Phase 2 study examining magnesium-dependent tinnitus. International Tinnitus Journal, 2011.
  13. Uluyol S, Kılıçaslan S, Yağız Ö. Relationship between serum magnesium level and subjective tinnitus. Kulak Burun Boğaz İhtisas Dergisi, 2016.
  14. Büntzel J, Kisters K, Büntzel J, Micke O. The role of magnesium in otology: a narrative review. Magnesium Research, 2026.
  15. Dadgarnia M, Mandegari M, Zand V, et al. The effect of vitamin B12 on idiopathic tinnitus. American Journal of Otolaryngology, 2024.
  16. Tinnitus UK. Tinnitus and dietary supplements.
  17. Rojas-Roncancio E, Tyler R, Jun HJ, et al. Manganese and Lipoflavonoid Plus to treat tinnitus: a randomized controlled trial. Journal of the American Academy of Audiology, 2016.
  18. Nan B, Gu X, Huang X. The role of the reactive oxygen species scavenger agent, astaxanthin, in the protection of cisplatin-treated patients against hearing loss. Drug Design, Development and Therapy, 2019.
  19. Vendra V, Vaisbuch Y, Mudry AC, Jackler RK. Over-the-counter tinnitus "cures": marketers' promises do not ring true. Laryngoscope, 2019.