Kognitive Verhaltenstherapie bei Tinnitus: was sie ist und warum Leitlinien sie empfehlen
Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei Tinnitus ist eine strukturierte Gesprächstherapie, die Ihnen hilft, anders über das Geräusch zu denken und anders darauf zu reagieren. Sie lässt den Tinnitus nicht verschwinden, ist aber der am besten belegte Weg, die Belastung zu verringern. Die deutsche S3-Leitlinie spricht eine starke Empfehlung aus, ebenso empfehlen sie die Leitlinien in Großbritannien und den USA.
Dieser Ratgeber bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Ihr Tinnitus neu ist, nur auf einer Seite auftritt, pulsiert oder mit Hörverlust oder Schwindel einhergeht, gehen Sie bitte zu einer Ärztin oder einem Arzt.
Was ist kognitive Verhaltenstherapie bei Tinnitus?
KVT umfasst psychologische Verfahren, die darauf beruhen, dass Gedanken, Gefühle und Verhalten sich gegenseitig beeinflussen[1]. Bei Tinnitus hilft sie, Stress zu bewältigen, Entspannungsmethoden zu lernen und negative Gedanken über das Ohrgeräusch zu verändern[2]. Typische Bausteine sind[3, 4]:
- verstehen, wie Tinnitus entsteht, was allein schon Ängste verringern kann
- belastende Gedanken über das Geräusch erkennen und hinterfragen
- Übungen mit positiven Vorstellungsbildern
- sich auf das konzentrieren, was Sie selbst ändern können, damit der Tinnitus weniger Raum einnimmt
Ziel ist die Gewöhnung (Habituation): Das Geräusch ist vielleicht noch da, aber Sie nehmen es seltener wahr und es stört weniger. Schon eine Besserung auf dem Weg dorthin kann ein großer Gewinn sein[5].
Wirkt KVT bei Tinnitus?
Ein Cochrane-Review von 2020 fasst 28 Studien mit 2.733 Erwachsenen zusammen, die seit mindestens drei Monaten Tinnitus hatten[1]. Die Ergebnisse:
- Im Vergleich zu keiner Behandlung oder einer Warteliste kann KVT die Beeinträchtigung der Lebensqualität durch Tinnitus am Behandlungsende verringern (geringe Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Der Unterschied lag im Mittel bei etwa 11 Punkten im Tinnitus Handicap Inventory (0 bis 100 Punkte), über den 7 Punkten, die als spürbare Veränderung gelten.
- Im Vergleich zu audiologischer Betreuung verringert KVT die Belastung wahrscheinlich (moderate Vertrauenswürdigkeit).
- KVT kann depressive Beschwerden leicht verringern; die Wirkung auf Angst und allgemeine Lebensqualität ist unsicher.
- Ernste Nebenwirkungen scheinen selten zu sein.
- Für die Zeit 6 oder 12 Monate nach der Behandlung fehlen ausreichende Daten.
Einfach gesagt: KVT schaltet den Tinnitus nicht ab, kann ihn aber weniger belastend machen. Fachleute bezeichnen sie als das Verfahren mit der solidesten Studienlage im Tinnitus-Management[6].
Was sagen die Leitlinien?
- Deutschland (S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, 2021): Verhaltenstherapie in verschiedenen Formen wird bei chronischem Tinnitus stark empfohlen, auf Basis hochwertiger Evidenz[5]. Die Deutsche Tinnitus-Liga nennt KVT die empfohlene Behandlung für Menschen, die unter Tinnitus leiden[2].
- Großbritannien (NICE, 2020): Wenn Tinnitus trotz erster Unterstützung belastet, ein Stufenmodell: zuerst digitale, tinnitusbezogene KVT, die von Psychologinnen und Psychologen angeboten wird, dann Gruppenangebote wie achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie oder KVT, danach Einzel-KVT[3].
- USA (AAO-HNSF, 2014): Ärztinnen und Ärzte sollen Menschen mit anhaltendem, belastendem Tinnitus KVT empfehlen[7].
Geht KVT auch online oder per App?
Internetbasierte Verhaltenstherapie bei Tinnitus wurde in mehreren Studien geprüft. Einige fanden sie ähnlich wirksam wie die Therapie vor Ort, andere sahen die persönliche Psychotherapie im Vorteil. Die Leitlinie rät, vor einer internetbasierten Therapie zunächst persönlich mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zu sprechen, um Begleiterkrankungen einzuschätzen[5].
Selbstgeführte Apps sind noch einmal etwas anderes. Die S3-Leitlinie zitiert eine Übersicht über 34 Tinnitus-Apps, denen allen wissenschaftliche Belege fehlten[5]. Eine App mit Lektionen auf KVT-Basis kann ein sanfter Einstieg und eine Möglichkeit zum Üben zwischen Terminen sein, ersetzt aber keine Therapie bei qualifizierten Fachleuten.
Wie komme ich an eine KVT bei Tinnitus?
- Sprechen Sie mit Ihrer HNO-Praxis oder Hausarztpraxis. Ambulante, tinnitusspezifische Verhaltenstherapie ist laut Leitlinie nicht überall verfügbar, daher lohnt sich gezieltes Nachfragen[5].
- Die Deutsche Tinnitus-Liga bietet Beratung und Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten und Selbsthilfegruppen[2].
- Sprechen Sie nicht nur über das Geräusch, sondern auch über Stimmung und Schlaf. Angst und Depression sollten eigenständig abgeklärt und behandelt werden[5, 3].
Wenn der Tinnitus Sie vor allem nachts plagt, fragen Sie nach KVT bei Schlafstörungen; siehe Tinnitus und Schlaf. Zu Achtsamkeit und Atemübungen: Tinnitus, Stress und Angst.
Weitere Ratgeber
- Tinnitus, Stress und Angst
- Tinnitus und Schlaf
- Klangtherapie und Notched Music
- Was ist Tinnitus?
- Alle Tinnitus-Ratgeber
- FAQ & Support: Fragen zur App Tinnitus Haven
Tinnitus Haven vereint Klangtherapie, einen Hörcheck und Lektionen auf KVT-Basis in einer ruhigen iPhone-App, bald im App Store. Mehr über Tinnitus Haven.
Quellen
- Fuller T, Cima R, Langguth B, et al. Cognitive behavioural therapy for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2020.
- Deutsche Tinnitus-Liga e. V. Tinnitus.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Tinnitus: assessment and management (NG155), Recommendations. NICE guideline, 2020.
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Tinnitus. 2023.
- Mazurek B, Hesse G, Sattel H, et al. S3 Guideline: Chronic Tinnitus. Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). HNO, 2022. Englische Fassung der S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, AWMF-Register 017/064 (2021).
- McKenna L, Vogt F, Marks E. Current validated medical treatments for tinnitus: cognitive behavioral therapy. Otolaryngologic Clinics of North America, 2020.
- Tunkel DE, Bauer CA, Sun GH, et al. Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngology, Head and Neck Surgery, 2014 (AAO-HNSF).