Tinnitus auf einem Ohr (links oder rechts): Ursachen und wann Sie ärztlichen Rat brauchen
Ein Pfeifen oder Rauschen auf nur einem Ohr hat oft eine einfache Ursache, etwa Ohrenschmalz, eine Ohrentzündung oder Lärm; ernste Ursachen sind selten. Trotzdem raten die Leitlinien, einseitigen Tinnitus abklären zu lassen, meist mit einem Blick ins Ohr und einem Hörtest, manchmal auch mit einer MRT. Ob das linke oder das rechte Ohr betroffen ist, spielt dabei keine Rolle.
Dieser Ratgeber bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Ihr Tinnitus neu ist, nur auf einer Seite auftritt, pulsiert oder mit Hörverlust oder Schwindel einhergeht, gehen Sie bitte zu einer Ärztin oder einem Arzt.
Ist Tinnitus auf einem Ohr gefährlich?
Meistens nicht. Tinnitus hängt nur selten mit einer ernsten Erkrankung zusammen[1], und mehrere häufige Ursachen eines einseitigen Ohrgeräuschs, etwa Ohrenschmalz oder eine Ohrentzündung, lassen sich behandeln[1, 2]. Ärztinnen und Ärzte nehmen einseitigen Tinnitus trotzdem ernst. NICE empfiehlt, bei anhaltendem Tinnitus auf einem Ohr eine Überweisung zu erwägen und bei Tinnitus mit einseitigem oder seitenungleichem Hörverlust zu überweisen[3]. Die US-Leitlinie empfiehlt bei einseitigem Tinnitus eine zeitnahe, vollständige Hörprüfung[4].
Spielt es eine Rolle, ob es links oder rechts ist?
Nein. Die Leitlinien, auf die wir uns stützen, unterscheiden nicht zwischen links und rechts: Entscheidend ist, dass der Tinnitus nur auf einer Seite auftritt[3, 4]. Für beide Ohren kommen dieselben Ursachen infrage, und es wird dasselbe untersucht.
Was sind häufige Ursachen?
- Ohrenschmalz. Angesammeltes Ohrenschmalz kann Pfeifen oder Summen, Hörminderung und ein Druckgefühl verursachen[5]. Entfernen Sie es nicht mit den Fingern oder Wattestäbchen, denn so schieben Sie es tiefer hinein. Einige Tropfen Oliven- oder Mandelöl oder der Rat aus der Apotheke können helfen, dass es sich löst[5].
- Eine Ohrentzündung. Flüssigkeit durch eine Entzündung kann den Gehörgang verlegen und Tinnitus auslösen[1]. Die meisten Ohrentzündungen klingen innerhalb von drei Tagen ab[6].
- Lärm. Lärm kann auf einem oder beiden Ohren zu Hörverlust und Tinnitus führen, und ein einzelner sehr lauter Knall, etwa ein Schuss oder eine Explosion, kann das Gehör sofort schädigen[7]. Nach Lärm erholt sich ein vertäubtes Gehör oft innerhalb von 16 bis 48 Stunden, bleibende Schäden sind aber möglich[7].
- Hörverlust auf diesem Ohr. Tinnitus hängt eng mit Hörverlust zusammen[1], und NICE sieht Tinnitus mit einseitigem Hörverlust als Grund für eine Überweisung[3].
- Probleme mit dem Kiefergelenk. Das Kiefergelenk liegt dicht am Ohr; Zähnepressen oder Knirschen kann Tinnitus auslösen oder verstärken[1].
Welche selteneren Ursachen gibt es?
- Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohrs mit Anfällen von Drehschwindel, Tinnitus, Hörverlust und Druckgefühl im Ohr. Meist ist nur ein Ohr betroffen[8].
- Hörsturz, ein plötzlicher Hörverlust, der oft nur ein Ohr betrifft und mit Tinnitus, Druckgefühl oder Schwindel einhergehen kann. Er sollte als Notfall gelten, weil die Behandlung früh am besten wirkt[9].
- Akustikusneurinom (Vestibularisschwannom), eine gutartige Geschwulst am Hör- und Gleichgewichtsnerv. Es wächst meist langsam, und die Beschwerden entwickeln sich allmählich: Hörverlust, meist auf einem Ohr, Tinnitus und Unsicherheit beim Gehen und Stehen. Kleine Befunde werden oft nur mit regelmäßigen Aufnahmen beobachtet[10].
- Pulsierender Tinnitus im Takt des Herzschlags hat eigene Ursachen und gehört ärztlich abgeklärt; siehe unseren Ratgeber zum pulsierenden Tinnitus.
Viele denken zuerst an ein Akustikusneurinom, doch es ist selten die Ursache. Eine Übersichtsarbeit von 2023 fasste sieben Studien mit 1.394 Menschen zusammen, bei denen wegen Tinnitus auf einem Ohr ohne seitenungleiches Hörvermögen eine MRT gemacht wurde: Bei 7 von ihnen fand sich ein Akustikusneurinom, die meisten waren klein, und die meisten wurden beobachtet statt entfernt[11].
Was wird untersucht?
- Die Ohren, auf Ohrenschmalz, Entzündungen oder Veränderungen am Trommelfell[2, 1].
- Ihre Vorgeschichte: seit wann das Geräusch besteht, wie Sie hören, ob Sie Lärm ausgesetzt waren, ob Ihnen schwindlig ist und welche Medikamente Sie nehmen[1, 4].
- Ein Hörtest. Die US-Leitlinie verlangt bei einseitigem Tinnitus eine zeitnahe, vollständige Hörprüfung[4], und NICE empfiehlt allen Menschen mit Tinnitus eine Untersuchung des Gehörs[3].
- Manchmal eine MRT. NICE empfiehlt sie, wenn zum Tinnitus weitere Beschwerden an Ohr, Gehör oder Nervensystem kommen, und hält sie bei einseitigem Tinnitus auch ohne weitere Beschwerden für erwägenswert[3]. Die S3-Leitlinie sieht eine MRT unter anderem bei einseitigem Hörverlust oder Schwindel vor[12]. Die US-Leitlinie rät von Aufnahmen ab, wenn der Tinnitus nicht einseitig ist, nicht pulsiert und keine weiteren Warnzeichen bestehen[4].
Eine Überweisung zur MRT ist eine übliche Vorsichtsmaßnahme. Sie bedeutet nicht, dass mit einem schlechten Befund gerechnet wird.
Wann brauche ich schnell Hilfe?
Sofort in die Notaufnahme oder die 112 rufen, wenn:
- das Ohrgeräusch nach einer Kopfverletzung begonnen hat[2]
- es mit plötzlichem Hörverlust, einer Schwäche im Gesicht oder Drehschwindel auftritt[2]
- andere plötzliche neurologische Ausfälle hinzukommen[3]
Innerhalb von 24 Stunden ärztlich untersuchen lassen, wenn:
- das Gehör auf diesem Ohr innerhalb von drei Tagen oder schneller deutlich schlechter geworden ist[3]
Bald einen Termin vereinbaren, wenn:
- das Geräusch auf einem Ohr nicht wieder verschwindet[3, 4]
- Sie auf diesem Ohr schlechter hören als auf dem anderen oder Ihr Gehör über Tage oder Wochen nachlässt[3]
- das Geräusch im Takt des Pulses schlägt; bitten Sie um einen dringenden Termin[2]
- sich das Ohr nach fünf Tagen Behandlung gegen Ohrenschmalz noch verstopft anfühlt[5]
Was kann ich in der Zwischenzeit tun?
- Lassen Sie den Gehörgang in Ruhe: keine Wattestäbchen oder anderen Gegenstände[5].
- Schützen Sie Ihre Ohren vor Lärm, denn Lärm kann Tinnitus verstärken[3].
- Meiden Sie völlige Stille. Leise Hintergrundgeräusche können das Ohrgeräusch weniger auffällig machen[2]; siehe unseren Ratgeber zur Klangtherapie.
- Wenn das Geräusch Sie belastet, finden Sie praktische Schritte in den Ratgebern Wenn der Tinnitus lauter wird und Tinnitus, Stress und Angst.
Weitere Ratgeber
- Was ist Tinnitus?
- Pulsierender Tinnitus
- Hörtest zu Hause
- Hörgeräte bei Tinnitus
- Alle Tinnitus-Ratgeber
- FAQ & Support: Fragen zur App Tinnitus Haven
Tinnitus Haven vereint Klangtherapie, einen Hörcheck und Lektionen auf KVT-Basis in einer ruhigen iPhone-App, bald im App Store. Mehr über Tinnitus Haven.
Quellen
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Tinnitus. 2023.
- NHS. Tinnitus. NHS website, 2024.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Tinnitus: assessment and management (NG155), Recommendations. NICE guideline, 2020.
- Tunkel DE, Bauer CA, Sun GH, et al. Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngology, Head and Neck Surgery, 2014 (AAO-HNSF).
- NHS. Earwax build-up. NHS website.
- NHS. Ear infections. NHS website.
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Noise-induced hearing loss.
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Ménière's disease.
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Sudden deafness.
- NHS. Acoustic neuroma (vestibular schwannoma). NHS website.
- Javed A, Okoh M, Mughal Z, Javed F, Gupta K. Incidence of vestibular schwannoma in patients with unilateral tinnitus: a systematic review and meta-analysis. Otology and Neurotology, 2023.
- Mazurek B, Hesse G, Sattel H, et al. S3 Guideline: Chronic Tinnitus. Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). HNO, 2022. Englische Fassung der S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, AWMF-Register 017/064 (2021).