Hörgeräte bei Tinnitus: wem sie helfen können und was Studien zeigen
Wenn Sie Tinnitus und zugleich eine Schwerhörigkeit haben, können Hörgeräte den Tinnitus in den Hintergrund rücken und das Hören im Alltag erleichtern; die deutsche S3-Leitlinie sowie britische und US-amerikanische Leitlinien empfehlen sie in diesem Fall. Bei normalem Gehör werden sie nicht empfohlen. Für keinen Hörgerätetyp, auch nicht für Geräte mit eingebautem Rauschgenerator, ist belegt, dass er bei Tinnitus besser wirkt als ein anderer.
Dieser Ratgeber bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Ihr Tinnitus neu ist, nur auf einer Seite auftritt, pulsiert oder mit Hörverlust oder Schwindel einhergeht, gehen Sie bitte zu einer Ärztin oder einem Arzt.
Warum können Hörgeräte bei Tinnitus helfen?
Die meisten Menschen mit Tinnitus hören auch etwas schlechter, und für sie gehören Hörgeräte zu den wichtigsten Möglichkeiten[1]. Hörgeräte verstärken Umgebungsgeräusche. Das erleichtert Gespräche und den Alltag und kann den Tinnitus weniger auffällig machen[1]. Forschende vermuten außerdem, dass mehr Höreindrücke die mit Tinnitus verbundenen Veränderungen im Gehirn abschwächen könnten und dass verstärkte Umgebungsgeräusche die Aufmerksamkeit vom Tinnitus weglenken[2]. Die S3-Leitlinie bezeichnet den Ausgleich einer Schwerhörigkeit als Voraussetzung dafür, sich an den Tinnitus zu gewöhnen[3].
Für wen kommen Hörgeräte infrage?
- Tinnitus mit Schwerhörigkeit, die die Verständigung erschwert. Die S3-Leitlinie empfiehlt bei chronischem Tinnitus mit Schwerhörigkeit Hörgeräte[3]. NICE empfiehlt, sie anzubieten[4], und die US-Leitlinie empfiehlt bei anhaltendem, belastendem Tinnitus mit nachgewiesener Schwerhörigkeit eine Hörgeräteberatung[5].
- Tinnitus mit Schwerhörigkeit, aber ohne Probleme bei der Verständigung. Laut NICE können Hörgeräte erwogen werden[4].
- Tinnitus bei normalem Gehör. NICE rät von Hörgeräten ab[4].
- Hochgradige Schwerhörigkeit oder Taubheit, auch auf nur einem Ohr. Hier kann ein Cochlea-Implantat infrage kommen. Die S3-Leitlinie empfiehlt es in dieser Situation ausdrücklich, und es kann auch den Tinnitus verringern[3, 1].
Der erste Schritt ist deshalb ein gründlicher Hörtest. NICE empfiehlt, allen Menschen mit Tinnitus eine Untersuchung des Gehörs anzubieten[4].
Was zeigt die Forschung?
Weniger, als man erwarten würde, vor allem weil kaum Studien Hörgeräte mit gar keinem Gerät vergleichen:
- Ein Cochrane-Review von 2014 fand nur eine geeignete Studie mit 91 Teilnehmenden, die Hörgeräte mit Rauschgeneratoren verglich. Die Unterschiede zwischen beiden waren allenfalls gering, und die Autoren kamen zu dem Schluss, dass es keine Belege gibt, die Hörgeräte als Routinebehandlung bei Tinnitus stützen oder widerlegen[2].
- Ein Cochrane-Review von 2018 mit acht Studien und 590 Teilnehmenden fand keine Studie, die Hörgeräte, Rauschgeneratoren oder Kombigeräte mit keinem Gerät, Placebo oder reiner Aufklärung verglich. In den Studien, die Geräte untereinander verglichen, nahm die Tinnitusbelastung mit jedem Gerätetyp spürbar ab. Ohne unbehandelte Vergleichsgruppe lässt sich aber nicht sagen, wie viel davon auf die Geräte zurückgeht[6].
- Eine Metaanalyse von 2022 mit 27 Studien und 1.400 Teilnehmenden, die meist den Tinnitus vor und nach der Hörgeräteanpassung erfassten, fand stärkere Verbesserungen bei Lautheit und Belastung, wenn die Einstellung mit objektiven Messungen überprüft worden war[7].
Die S3-Leitlinie fasst es so zusammen: Studien zu Hörgeräten allein gibt es bei Tinnitus kaum, doch die klinische Erfahrung spricht dafür, dass sie die Gewöhnung an den Tinnitus fördern[3].
Was sind Kombigeräte und „Tinnitus-Masker“?
Kombigeräte sitzen wie Hörgeräte im oder hinter dem Ohr. Sie verstärken Umgebungsgeräusche und erzeugen im selben Gerät zusätzlich ein leises Geräusch, etwa ein sanftes Rauschen[1]. Gemeint sind damit meist die Geräte, die als Tinnitus-Masker oder Tinnitus-Hörgeräte bezeichnet werden.
Besser als normale Hörgeräte wirken sie nach bisherigem Stand nicht. Drei Studien mit 114 Teilnehmenden, die Kombigeräte mit Hörgeräten allein verglichen, fanden keinen Unterschied in der Tinnitusbelastung[6]. Eine US-Studie mit 55 Teilnehmenden verglich herkömmliche Hörgeräte, dieselben Geräte mit Rauschgenerator und tief im Gehörgang sitzende Langzeit-Hörgeräte: In allen drei Gruppen ging es den Teilnehmenden besser, ohne bedeutsamen Unterschied[8]. Die S3-Leitlinie hält fest, dass ein zusätzlicher Rauschgenerator zum Hörgerät keinen Nutzen bringt[3].
Welches Hörgerät ist bei Tinnitus das beste?
Für keinen bestimmten Typ und kein Modell ist belegt, dass es bei Tinnitus besser wirkt[8, 6]. Wichtiger ist, dass das Gerät zu Ihrer Schwerhörigkeit passt und sorgfältig angepasst wird:
- Lassen Sie sich die infrage kommenden Gerätetypen erklären; oft können Sie mehrere ausprobieren[9].
- Fragen Sie, ob die Einstellung mit objektiven Messungen überprüft wird und nicht nur danach, wie es sich für Sie anhört. Solche überprüften Anpassungen gingen mit besseren Ergebnissen beim Tinnitus einher[7].
- Nehmen Sie die Nachkontrolle wahr, bei der die Einstellung angepasst werden kann[9].
- Geben Sie sich Zeit. In den genannten Studien wurde die Wirkung nach Monaten regelmäßigen Tragens gemessen[8, 2].
Und Hörgeräte ohne Anpassung, etwa aus dem Internet?
In den USA dürfen Erwachsene mit vermuteter leichter bis mittlerer Schwerhörigkeit Hörgeräte ohne ärztliche Untersuchung und ohne Anpassung kaufen[10]. Die Packungsbeilage muss dort aber darauf hinweisen, zuerst ärztlichen Rat einzuholen, am besten in einer HNO-Praxis: wenn Sie nur auf einem Ohr ein Klingeln oder Summen hören, auf einem Ohr schlechter hören, sich Ihr Gehör plötzlich verändert hat, Ihnen schwindlig ist oder das Ohr schmerzt oder nässt[10]. Diese Warnzeichen gelten überall. Steht der Tinnitus im Vordergrund, ist eine fachliche Hörprüfung vorab der sicherere Weg, denn die Leitlinien empfehlen bei Tinnitus eine Untersuchung des Gehörs[4, 5].
An wen wende ich mich?
- Ihre Hausarztpraxis kann nach Ohrenschmalz oder einer Entzündung schauen, Ihre Medikamente durchgehen und Sie überweisen[1, 11].
- Eine HNO-Praxis untersucht Ohren, Kopf und Hals und prüft das Gehör[1]. Dorthin werden Sie vor allem überwiesen, wenn der Tinnitus nur auf einem Ohr auftritt, pulsiert oder mit einer Veränderung des Gehörs einhergeht[4, 10].
- Hörakustikerinnen und Hörakustiker passen Hörgeräte an; die Versorgung richtet sich nach den geltenden Hilfsmittelrichtlinien[3]. Welche Kosten Ihre Krankenkasse übernimmt, erfragen Sie am besten in der HNO-Praxis oder direkt bei der Kasse.
Die Deutsche Tinnitus-Liga nennt die Hörgeräteversorgung neben Aufklärung, Verhaltenstherapie und Entspannung als einen Baustein der Behandlung[12]. Belastet Sie der Tinnitus weiterhin, ist die kognitive Verhaltenstherapie am besten belegt[13]. Mehr dazu in den Ratgebern zur kognitiven Verhaltenstherapie und zur Tinnitus-Retraining-Therapie sowie im Überblick zur Tinnitus-Behandlung.
Weitere Ratgeber
- Hörtest zu Hause
- Klangtherapie und Notched Music
- Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)
- Tinnitus auf einem Ohr
- Alle Tinnitus-Ratgeber
- FAQ & Support: Fragen zur App Tinnitus Haven
Tinnitus Haven vereint Klangtherapie, einen Hörcheck und Lektionen auf KVT-Basis in einer ruhigen iPhone-App, bald im App Store. Mehr über Tinnitus Haven.
Quellen
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Tinnitus. 2023.
- Hoare DJ, Edmondson-Jones M, Sereda M, Akeroyd MA, Hall D. Amplification with hearing aids for patients with tinnitus and co-existing hearing loss. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2014.
- Mazurek B, Hesse G, Sattel H, et al. S3 Guideline: Chronic Tinnitus. Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). HNO, 2022. Englische Fassung der S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, AWMF-Register 017/064 (2021).
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Tinnitus: assessment and management (NG155), Recommendations. NICE guideline, 2020.
- Tunkel DE, Bauer CA, Sun GH, et al. Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngology, Head and Neck Surgery, 2014 (AAO-HNSF).
- Sereda M, Xia J, El Refaie A, et al. Sound therapy (using amplification devices and/or sound generators) for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2018.
- Waechter S, Jönsson A. Hearing aids mitigate tinnitus, but does it matter if the patient receives amplification in accordance with their hearing impairment or not? A meta-analysis. American Journal of Audiology, 2022.
- Henry JA, McMillan G, Dann S, et al. Tinnitus management: randomized controlled trial comparing extended-wear hearing aids, conventional hearing aids, and combination instruments. Journal of the American Academy of Audiology, 2017.
- NHS. Hearing aids and implants. NHS website.
- U.S. Food and Drug Administration (FDA). OTC hearing aids: what you should know.
- NHS. Tinnitus. NHS website, 2024.
- Deutsche Tinnitus-Liga e. V. Tinnitus Awareness Week 2025: DTL informiert über wirksame Behandlungsmethoden bei Tinnitus. Pressemitteilung, 2025.
- Fuller T, Cima R, Langguth B, et al. Cognitive behavioural therapy for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2020.