Hörtest zu Hause: was ein App-Check zeigen kann und was nicht
Ein Hörcheck auf dem Smartphone kann einen groben Eindruck geben und Veränderungen über die Zeit sichtbar machen; gut gemachte Apps eignen sich zum Screening. Eine Diagnose kann er nicht stellen, und Ihren Tinnitus erklärt er nicht. Bei Tinnitus gehört ein Hörtest durch Fachleute zur Abklärung dazu.
Dieser Ratgeber bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Ihr Tinnitus neu ist, nur auf einer Seite auftritt, pulsiert oder mit Hörverlust oder Schwindel einhergeht, gehen Sie bitte zu einer Ärztin oder einem Arzt.
Warum ist das Gehör bei Tinnitus wichtig?
Chronischer Tinnitus geht sehr oft mit einer Hörminderung einher[1], und die meisten Menschen mit Tinnitus hören zumindest etwas schlechter[2]. Deshalb soll laut Deutscher Tinnitus-Liga ein Hörtest erfolgen, um eine mögliche Schwerhörigkeit festzustellen[3]. Auch NICE empfiehlt für Menschen mit Tinnitus eine audiologische Untersuchung[4], und die US-Leitlinie rät zu einem zeitnahen, umfassenden Hörtest, wenn der Tinnitus einseitig ist, seit sechs Monaten oder länger besteht oder mit Hörproblemen einhergeht[5].
Was kann ein Hörcheck per App leisten?
Hörtests auf Smartphone und Tablet sind deutlich besser geworden. Die Weltgesundheitsorganisation schreibt, dass Werkzeuge wie ihre App hearWHO ein Screening auf Hörverlust mit wenig Schulung und Aufwand möglich machen[6].
- Eine Metaanalyse von 2024 mit 17 Studien und 1.032 Personen fand, dass mobile Audiometrie im Mittel ähnliche Hörschwellen ergab wie die herkömmliche Audiometrie. Die Studien waren aber sehr unterschiedlich, viele hatten ein hohes Verzerrungsrisiko, und Abweichungen zeigten sich unter anderem, wenn Menschen den Test selbst durchführten[7].
- Ein systematischer Review von 2024 fand mehrere Apps, die sich gut zum Screening eigneten, kam aber zu dem Schluss, dass Smartphone-Audiometrie die herkömmliche Audiometrie bei der Diagnose von Schwerhörigkeit nicht ersetzen kann[8].
Sorgfältig genutzt kann ein Check zu Hause zeigen, ob ein Ohr anders reagiert als das andere, Hinweise geben, dass bestimmte Tonhöhen schwerer zu hören sind, Veränderungen über die Zeit sichtbar machen und Sie dazu bringen, einen richtigen Hörtest zu vereinbaren.
Was kann er nicht zeigen?
- Eine Diagnose. Ob eine Schwerhörigkeit vorliegt, wie ausgeprägt sie ist und woher sie kommt, gehört in fachliche Hände[8].
- Was im Ohr los ist. Ohrenschmalz oder Veränderungen am Mittelohr erkennt man beim Blick ins Ohr[3].
- Knochenleitung. Die bisher untersuchten Smartphone-Tests messen nur die Luftleitung[8].
- Genaue Dezibelwerte, wenn nicht kalibriert wird. Viele Apps, auch Tinnitus Haven, arbeiten mit einer relativen Skala, die sich an Ihren Kopfhörern und Ihrem Wohlfühlpegel orientiert. Die Werte lassen sich daher nicht mit einem klinischen Audiogramm vergleichen. Wie genau unser Check ist, steht in den FAQ zur Genauigkeit.
- Die Ursache Ihres Tinnitus. Ein Tonhöhenabgleich ist nützlich, um Klang anzupassen, aber NICE rät davon ab, Tonhöhen- und Lautheitsabgleich zur Beurteilung von Tinnitus zu verwenden[4].
Wie wird das Ergebnis zu Hause verlässlicher?
- Setzen Sie sich in einen ruhigen Raum. Hintergrundlärm verändert, was an Ihren Ohren ankommt.
- Nutzen Sie Kopfhörer, die beide Ohren gut abdecken, und jedes Mal dieselben.
- Verstellen oder wechseln Sie sie nicht mittendrin, und machen Sie nichts nebenher.
- Wiederholen Sie den Check unter denselben Bedingungen, wenn Sie Ergebnisse vergleichen wollen.
- Halten Sie die Lautstärke angenehm. Hören Sie auf, wenn ein Ton schmerzt oder den Tinnitus verstärkt.
Warum Kopfhörer dafür so wichtig sind, erklären wir in den FAQ zu Kopfhörern.
Wann sollten Sie einen Hörtest beim Facharzt machen?
- Plötzlicher Hörverlust innerhalb von höchstens drei Tagen: NICE empfiehlt eine Abklärung innerhalb von 24 Stunden[4]. Kommen Gesichtsschwäche oder Drehschwindel dazu, gehen Sie in die Notaufnahme[9].
- Ein neuer Tinnitus, der nach ein bis zwei Tagen nicht verschwunden ist, gehört zeitnah in die HNO-Praxis[3].
- Ein Gehör, das über Tage oder Wochen schlechter wird[4].
- Ein Ohr hört schlechter als das andere, oder der Tinnitus ist nur auf einer Seite[4, 5].
In der HNO-Praxis gehört ein Hörtest zur Basisdiagnostik, ebenso die Bestimmung der Tinnitus-Lautheit und Frequenz durch Fachleute[3]. Bei Verdacht auf ein Mittelohrproblem kann eine Tympanometrie dazukommen[4]. Besteht eine Schwerhörigkeit, empfiehlt die S3-Leitlinie Hörgeräte[1].
Weitere Ratgeber
- Was ist Tinnitus?
- Klangtherapie und Notched Music
- Kognitive Verhaltenstherapie bei Tinnitus
- Tinnitus, Stress und Angst
- Alle Tinnitus-Ratgeber
- FAQ & Support: Fragen zur App Tinnitus Haven
Tinnitus Haven vereint Klangtherapie, einen Hörcheck und Lektionen auf KVT-Basis in einer ruhigen iPhone-App, bald im App Store. Mehr über Tinnitus Haven.
Quellen
- Mazurek B, Hesse G, Sattel H, et al. S3 Guideline: Chronic Tinnitus. Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). HNO, 2022. Englische Fassung der S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“, AWMF-Register 017/064 (2021).
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), NIH. Tinnitus. 2023.
- Deutsche Tinnitus-Liga e. V. Tinnitus.
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Tinnitus: assessment and management (NG155), Recommendations. NICE guideline, 2020.
- Tunkel DE, Bauer CA, Sun GH, et al. Clinical practice guideline: tinnitus. Otolaryngology, Head and Neck Surgery, 2014 (AAO-HNSF).
- World Health Organization. Deafness and hearing loss (fact sheet).
- Oremule B, Abbas J, Saunders G, et al. Mobile audiometry for hearing threshold assessment: a systematic review and meta-analysis. Clinical Otolaryngology, 2024.
- Berampu RW, Adriztina I, Sofyan F, et al. Accuracy and pitfalls in the smartphone-based audiometry examination. Iranian Journal of Otorhinolaryngology, 2024.
- NHS. Tinnitus. NHS website, 2024.